10 Juli, 2019 Valerie Adolff

Die „eigene Stimme“ wahrnehmen

Wir haben heute unsere letzte Sitzung des gemeinsamen Lernprozesses. „Es war diese Reise wert“ sagt mir Anna „ich fühle mich jetzt mit mehr Vertrauen, meiner eigenen Stimme zu folgen und will mir den Platz geben, meine Meinung sagen zu können, wenn ich es für nötig halte“. Wir fassen zusammen, was wir erarbeitet haben und beginnen heute mit einem Übungsprogramm, welches ihre Aufmerksamkeit auf die Körperzonen trainiert, die für ihren Mut, ihre Flexibilität und Spontaneität wichtig ist. Dazu gehört der obere Bereich des Körpers, die sie tendenziell anspannt, wenn sie unsicher wird. Und das empfindet sie dann als dass sie „ihre innere Stimme“ nicht wahrnehmen kann, was genau dem Zusammenspiel von der Atmung in der Brust und der optimalen Vibrierung der Stimmbänder entspricht .
Anna hat sich entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen und sich mit der Unsicherheit zu bewegen statt sie zu ignorieren und sich immer wieder klein zu machen.
WAHRNEHMUNG
Sie hat bemerkt, dass sie in Situationen, in denen sie mit etwas nicht einverstanden ist, Angst hat, ihre Meinung zu sagen, weil sie nicht aus Wut Dinge sagen will, die sie später bereut, was ihr in der Vergangenheit auch schon passiert ist. Statt dessen reisst sie sich zusammen, was in ihrem Körper, vor allem in Brust, Schultern, Magenbereich und Kiefer zu grossen Anspannungen führt. In ihrer Kindheit, sagt sie, hat sie gelernt, dass Emotionen besser runter-geschluckt anstatt ausgedrückt werden. Wut wird im Allgemeinen in unserer Gesellschaft nicht als positiv gewertet und viele Menschen erleben Wut mit einem Ausbruch, der auf Kosten anderer geht. Genau deswegen hat Anna sich immer wieder gebremst.
Obwohl sie seit Jahren von zuhause ausgezogen und bereits in verschiedenen Ländern gelebt hat, ist dieses ein alteingesessenes Muster. Sie hat keine Kontrolle darüber und weiss nicht wie es entsteht, wann es zu einer Reaktion kommt oder wie sie Konflikte mit anderen Menschen konstruktiv lösen kann. Dies belastet ihre Beziehungen im beruflichen wie auch privaten Umfeld. Und genau dies haben wir erarbeitet: das gelernte Verhaltensmuster und die Reaktion auf Wut zu stoppen, damit sie auf ihre eigene Stimme hören kann.
AUFMERKSAMKEIT
Erst einmal galt es zu analysieren, wie dieses Muster entsteht, d.h. wie es ihr Körper ausdrückt. Dazu haben wir aufmerksam ihre Körpersprache anaylsiert. Jegliche Körperzone, sowie vor allem die Füsse geben uns Hinweise darauf, welche Bewegungsabläufe sich wiederholen. Und das ist bei jeder Person komplett unterschiedlich, weil jede/r ihren/seinen Körper auf ganz individuelle Art und Weise einsetzt. In ihrem Körper waren vor allem Zwerchfell, Brustbein, Hals und Kiefer betroffen.
VERTRAUEN FASSEN
Für einen Lernprozess ist es wichtig, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen, in dem Anna auch dann ehrlich bleiben konnte, wenn es ihr unangenehm war und wo sie offen die Dinge ansprechen konnte, die sie normalerweise für sich behält. Das ist der erste Schritt für eine Veränderung.
FOKUSSIEREN
Danach haben wir eine Situation aus ihrem derzeitigen Alltag gewählt, bei der Arbeit, wo sie gerne mehr Information und eine bessere Zeiteinteilung vonseiten ihres Vorgesetzen gehabt hätte. Diese Situation war dann Ausgangspunkt um ihre Aufmerksamkeit zu trainieren. Sie sollte darauf aufmerksam sein, wie sie sich selbst in der Situation wahrnimmt, wie sich ihr Körper vor allem in den gewählten Bereichen anfühlt und wie sie dann auch ihren Gegenüber empfindet. Je öfter sie dies praktizierte, um so klarer wurde ihr, wie sie und ihr Vorgesetzter miteinander umgingen.
KÖRPER SPÜREN
Unser Körper hat seine Art sich auszudrücken und je mehr wir diese Sprache verstehen, um so mehr können wir ein körperliches und emotionales Gleichgewicht herstellen und unsere Bedürfnisse befriedigen. Wir haben begonnen, ins Zwerchfell zu atmen, Schultergürtel und oberen Rücken zu bewegen und den Unterschied zwischen Anspannung und Entspannung zu spüren. Dank verschiedener Bewegungsabläufe und Berührung konnte Anna sofort mehr Mobilität und Flexibilität gewinnen.
VERHALTENSMUSTER STOPPEN
Im nächsten Schritt fokussierten wir auf die Emotionen, die mit dieser Situation verbunden waren und wie sie diese z.B. durch Atmung erst einmal akzeptieren konnte, ohne sofort mit ihrem erlernten Verhaltensmuster zu reagieren. Das Spannende für sie war, dass sie Paralelen zu Situationen aus der Vergangenheit entdeckte. Damit wuchs auch der Wunsch, diese alten Wiederholungen zu stoppen. Sie fand sie immer wieder neue Wege, ihrem Vorgesetzen ihre Anliegen mitzuteilen ohne dass es zu einem Konflikt kam. Ab diesem Moment konnte Anna offen auf jegliche Art von Situationen zugehen, weil sie mit jedem Mal mehr erleben konnte, dass ihr ihre neue Art zu kommunizieren gefiel. Sie hatte sozusagen „ihre eigene Stimme“ wiedergefunden.
MUTIG IN DIE ZUKUNFT
Anaïs Nin, französische Schriftstellerin Anfang des 20. Jahrhunderts, die das Bild der Frau in der Gesellschaft durch ihre Schriften stark beeinflusst hat, schrieb:
„Das Leben schrumpft und dehnt sich aus, proportional zum eigenen Mut“.
Und dieses Schrumpfen erkennen wir daran, dass wir statt unserer eigenen Stimme zu folgen, Kompromisse eingehen und uns anderen anpassen, auf die wir dann immer mit der gleichen Art und Weise reagieren. Wenn wir diese Wiederholung stoppen, dann befreien wir Kopf und Körper und können mit mehr Mut in die Zukunft blicken.

Credit: unsplash.com/agnieszka-p-119611